Svastha News August

Ayurveda live!

Ursprünglich, vor langer Zeit, als es noch kein Corona gab, hatte ich mal wieder einen Trip nach Indien geplant. Vier Wochen wollte ich bei Dr. Sundara in seiner Mountain Top Klinik bleiben, zum einen für eine Panchakarma Kur, zum anderen zur Vertiefung meiner (puls-)diagnostischen Fähigkeiten. Es kam dann bekanntermaßen anders, als ich dachte und aufgeschoben ist sicher nicht aufgehoben. Aber eine kleine Auszeit wollte ich trotzdem und begab mich auf die Suche nach einer (bezahlbaren) Option hier in Deutschland.

 

Svastha Ayurveda Pflanze keimt Sprosse

Was ist eigentlich eine Panchkarma Kur, fragt sich jetzt vielleicht der/die eine oder andere? Es handelt sich hierbei um das Herzstück der ayurvedischen Therapie und bedeutet "fünf Handlungen". Diese 5 Handlungen oder Behandlungen werden bei einem Patienten individuell eingesetzt, um ihn von seinen Schlacken zu befreien, seine konstituierenden Faktoren (Vata, Pitta, Kapha) zu harmonisieren und wieder eine Situation im Körper zu schaffen, dass alle Zellen gut miteinander kommunizieren können und die Selbstheilungskräfte aktiviert werden.

Die Panchakarma Kur wird sowohl präventiv als auch bei chronischen Erkrankungen eingesetzt. Die Hauptidee dahinter ist, dass der Patient auf eine leicht verdauliche Diät gesetzt wird und jeden Tag mit unterschiedlichen Massagetechniken und Ölanwendungen behandelt wird, damit z.B. Schlacken aus den Geweben heraus wandern und wieder sich wieder im Verdauungstrakt ansammeln. Ein Arzt kontrolliert den Fortschritt jeden Tag und nach ca. 10 -17 Tagen ist es soweit, und man erfährt einen Ausleitungstag. Danach wird man langsam wieder regeneriert - bei ausgesuchter und guter Nahrung. Das alles passiert mit grosser Langsamkeit und viel Ruhe. So weit so gut.

 

Da die Massagen ein zentrales Element sind und meine Erfahrung mit keralischen Masseuren sehr gut ist, habe ich mich für Heritage Ayurveda im Odenwald entschieden. Ein Haus, das komplett von einem Team aus Kerala geführt wird. Die Kur, die dort angeboten wird, ist eine eher leichte Variante. Das war mir recht, da ich höchsten Respekt vor sämtlichen naturheilkundlichen Ausleitungsverfahren habe (man weiss ja nie, was da alles so hoch kommt ...).

Ich bin dann mal weg und hinein in den grünen und zauberhaften Odenwald. Dort bin ich mitten in ein Stück Kerala eingetreten. Sofort fühlte ich mich in guten und herzlichen Händen und die Behandlung begann.

 

Das Essen war sehr gut, aber viiiel zu wenig. Jedenfalls, wenn man wie ich mit einer starken Pitta Konstitution gesegnet ist. Morgens ein Teller Porridge mit frischen Früchten (ohne Milch). Das Mittagessen - ein absolutes Highlight- fand um 12:30 Uhr statt und danach gab es lange nix - ausser Kreuzkümmel- oder Bockshornkleesamentee.  Um 17:30 Uhr war Zeit für ein leichtes Abendessen - eine Suppe. Das war' s. Die Essenszeiten wurden streng eingehalten (Vata dankte es) und ab 20:30 Uhr sollte man schlafen. Sollte .... 

 

Morgens kam die Ärztin und teilte die illustre Runde (wir waren 11)  auf in die, die um 9:00 Uhr behandelt/massiert wurden und die, die um 11:00 Uhr dran waren. Nach dem Mittagessen wurde verkündet, wer inhalieren durfte, Nasentropfen bekam oder wer sich eines Einlaufes unterziehen musste. Yeah! 

Der Effekt war schon gleich am 2. Tag zu spüren. Der Kaffeeentzug setzte ein und die Massagen zeigten ihre Wirkung. Es ging bergab! Alle Müdigkeit der Welt trat mir aus den Poren, mein Kopf tat weh und es begannen Muskelschmerzen, wie ich sie noch NIE erlebt hatte - und dies waren sicher nicht meine ersten Massagen. Man traf sich nur beim Essen und die Unterhaltungen waren eher wortkarg. Jeder war mit sich selbst beschäftigt und manch einer versuchte, die Essensmenge telekinetisch zu erhöhen.

So erfuhr ich zunächst wenig von meinen MitstreiterInnen und verbrachte die Tage damit, meinen Körper bei der Entgiftung nicht zu stören, nur ganz laaaaangsam spazieren zu gehen (O-Ton Ärztin) und hier und da zu lesen und zu schlafen. Dieser Zustand veränderte sich dann allmählich und nach gut 1 Woche hatte ich das Gefühl, jetzt geht bergauf! Das Essen war weiterhin fantastisch und Hunger hatte ich auch keinen mehr nach der Mahlzeit. Und Kaffee ... wer braucht denn Kaffee?

 

Es ging weiter aufwärts, mit kleinen unpässlichen Passagen, aber einem eindeutigen Trend nach oben. So ging es mir und den anderen. So entspannten sich dann doch noch tolle Gespräche. Man blieb abends nach dem Essen länger sitzen, schlürfte gemeinsam Kreuzkümmeltee und erfuhr so von einer, die im letzten Jahr nach Jahren der Migräne (jeden Monat mehre Tage) nach dieser Kur ein Jahr beschwerdefrei geblieben war und nun präventiv wieder kam. Schön war auch der Verlauf von - ich nenn ihn mal - Samir. Samir hatte im letzten Jahr eine schwer Wirbelsäulen-OP hinter sich gebracht. Postoperativ entstand ein großes Hämatom, das Schmerzen verursachte und auf die Nerven drückte, so dass er erst im Rollstuhl bleiben musste. Langsam berappelte er sich und konnte zuletzt mit Krücken ein paar Schritte unter großen Schmerzen laufen. Er kam zur Kur und ließ Krücken und seine starken Schmerzmittel zuhause. Wir konnten zusehen, wie er jeden Tag einen Schritt mehr und besser laufen konnte. Allerdings nahm er es mit der Diät nicht ganz so genau. Er hatte sich heimlich einen kleinen Vorrat Käse und Wurst mitgebracht und naschte davon immer am späten Abend. 

 

Der Ausleitungstag wurde unterschiedlich erlebt, manche hat es richtig aus den Schuhen gehoben, andere spürten keine großartige Veränderung und viele entließen ihre Schlacken einfach ohne großes Gezackere. Zurück ist ein gutes und leichtes Gefühl geblieben und eine große Feinheit in der Wahrnehmung, was einem gut tut und was weniger. Subir Dominic, der Leiter des Hauses, verglich dieses Gefühl mit einem Kristall und riet uns, diesen Kristall zu pflegen und zu beachten, damit er nicht wieder stumpf werde. 

 

Mir hat das Bild gefallen, und ich versuche mich in dem Bewahren des feinen Gespürs. Es ähnelt der Feinheit, die bei Pranayama entstehen kann. Einfach ist das allerdings nicht, denn alte Gewohnheiten sind schwer zu bändigen. Wer weiß das nicht. Und bei dem Bändigungsvorgang sollte man behutsam vorgehen. Strenge und Härte führen nicht zu einem guten Resultat und schon gar nicht langfristig. Genauso wenig wie zu grosse Laxheit.

Ganesh Mohan, mein Lehrer in Yogatherapie, hat das unlängst schön und in dieser Art zusammengefasst:

Unsere handlungsbestimmenden Muster (im Yoga nennen wir sie 'Samskaras') sind unbewusst und tief verborgen. Veränderung zu mehr Freiheit braucht einen klaren Geist und Bewusstsein und die Geduld, in kleinen Schritten vorzugehen.