Lebensenergie auf Asiatisch

Eine kurze Einführung in «Prana» und «Chi»

Gesund und munter

Die indische wie auch die chinesische Metaphysik geht in der Entstehung des Kosmos von der Idee aus, dass dem Materiellen das Energetische vorausgeht. Sehr vereinfacht zusammengefasst kann man sagen, dass beide Kosmologien aus dem «Nichts» entstehen, das alle Möglichkeiten enthält. Im Chinesischen ist es das Tao, im Indischen kann es je nach dualistischer oder non-dualistischer Ausprägung unterschiedliche Namen haben (z. B. Brahma, Purusa, Shiva). Beiden Kosmologien ist weiterhin gemeinsam, dass es einen energetischen Träger gibt, der die verschiedenen Ebenen vom Immateriellen zum Materiellen verbindet und durchdringt. In der indischen Metaphysik ist es Prana, in der chinesischen Chi. Beide werden etwas unzureichend mit «Energie» übersetzt.

Chi ist das aktive Prinzip, ein Motor der Manifestation. In den unterschiedlichen Übersetzungen aus dem Chinesischen finden sich viele Bilder, die die nährende Natur von Chi beschreiben: Dampf, der Duft, der aus einem Topf mit gekochtem Reis aufsteigt, Atem, Gas, Luft, Lebenskraft. Chi ist überall dort, wo Leben ist, und wenn es verschwindet, folgt der Tod. Im Menschen fließt es in immateriellen Bahnen, den Meridianen, in der Natur wird es in Flüssen, Ozeanen, an Bergrücken und Straßenverläufen festgemacht.

Ein grundlegendes Prinzip aller taoistischen «Künste» ist, für Anreicherung von gutem Chi und Ausgleich (von negativem Chi) zu sorgen. In der chinesischen Medizin werden u.a. durch Akupunktur Blockaden von Chi gelöst und durch bestimmte Nahrung und Kräuter Chi an bestimmten Stellen wieder angereichert. Qi Qong und TaiChi sind ausgeklügelte Übungssysteme, die den Qi-Fluss im Menschen harmonisieren, weil so Gesundheit und Langlebigkeit entsteht. In Kampfkünsten (wie etwa in Tai Chi!) macht man sich durch bestimmte Techniken die Durchschlagkraft von gebündeltem Chi zu Nutze. Feng Shui betrachtet den großräumigen Qi-Fluss in der Natur, im Haus und auf dem Grundstück, um positive Bereiche für die Bewohner zu nutzen und negative Einflüsse zu minimieren.

Während der Begriff Qi im 4 Jh. vor Christus das erste Mal auftauchte (im Tao Te King von Lao-Tse) ist Prana schon seit 1700-1100 vor Christus als Konzept in den vedischen Schriften überliefert. Die vedischen Schriften gelten mit als die ältesten heiligen Texte. In diesen Schriften wurde die Idee der Lebensenergie von der alles Leben spendenden Sonne abgeleitet. Bis heute spielt deshalb das Symbol der Sonne eine wichtige Rolle im Hinduismus, Yoga und Ayurveda. Prana wird meist mit Lebenskraft und Atem übersetzt. Sri Krishnamarcharya sagte dazu: «Atem ist Leben», und betonte damit die Bedeutung von Pranayama innerhalb des Yoga. Der Sanskrit Begriff «Prãnayãma» besteht aus «Prãna» und «ayãma» und bedeutet das Ausdehnen, Erweitern des Atems, d. h. den Atem zu verlängern.

Dem liegt die Idee zugunde, dass man umso länger lebt, je weniger Atemzüge man pro Minute verbraucht. Abgeleitet wurde das früher aus Beobachtungen in der Natur: Riesenschildkröten mit 3 Atemzügen pro Minute leben wesentlich länger als Mäuse mit 50 Atemzügen/Minute.

Inzwischen hat auch die moderne Medizin die positive Wirkung des langen und ruhigen Atems auf das Nervensystem entdeckt – Stress führt zu einer flachen Atmung mit wenig Sauerstoff während tiefe Atemzüge den Körper mit mehr Sauerstoff versorgen und gleichzeitig auch das parasympathische Nervensystem anregen. Mit Hilfe von Yogaübungen versuchen wir ebenfalls für einen guten Prana-Fluss innerhalb des Körpers zu sorgen. Ayurveda, die indische Heilkunst, legt weiterhin großen Wert auf eine Ernährung, die reich an Prana und leicht verdaulich ist, um so den Körper neben dem Atmen optimal mit Prana zu versorgen. Und schlussendlich gibt es natürlich auch das indische Pendant zu Feng Shui – Vastu, die Kunst des Bauens.

Aus beiden Anschauungen haben sich eine Vielzahl von Möglichkeiten entwickelt, wie wir ganzheitlich unseren Energiehaushalt positiv beeinflussen können. Diese Methoden stehen oft nicht im Widerspruch zu der modernen Medizin und können bedenkenlos unterstützend als Prävention oder bei chronischen Situationen angewendet werden. Allerdings sollte man sich immer von Fachleuten beraten lassen. Ayurveda Beratung »

Text erschienen in: Kuala Lumpur Post, November 2016

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Jaques Lavier, Chi – die Energie; aus: Frieder Anders, Tai Chi. Chinas lebendige Weisheit.

Sri Tirumalai Krishnamarcharya (1899 – 1989), Indischer Yogi, Gelehrter und Ayurvedischer Heiler, oft als Gründervater des modernen Hatha Yoga erwähnt. Er unterrichtete täglich und hat nur wenige Schriften verfasst.